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Jüngere wollen nachrücken: Routiniers im Kantonsrat sichern Sitze für neue Kräfte

Jüngere wollen nachrücken: Routiniers im Kantonsrat sichern Sitze für neue Kräfte

Bei den Wahlen in den Kantonsrat treten im Wahlkreis St.Gallen-Gossau viele erfahrene Politiker an – bei den Freisinnigen auffallend viele.

Zusammen blicken sie auf exakt 196 Lebensjahre zurück. Und auf 45 Jahre Erfahrung im Kantonsrat: Thomas Scheitlin, Stadtpräsident in St.Gallen; Walter Locher, Rechtsanwalt und Präsident des Hauseigentümerverbands (HEV) St.Gallen; und Arno Noger, Bürgerratspräsident der Ortsgemeinde St.Gallen. Die drei Freisinnigen aus der Stadt treten am 8.März bei den Wahlen in den Kantonsrat erneut an. Das erfahrene Trio bewirbt sich auf gemeinsamen Inseraten und Wahlplakaten für die Wiederwahl, die so sicher scheint wie das Amen in der Kirche. Mit dem Waldkircher Arzt Thomas Ammann kandidiert ein weiterer Mann im Pensionsalter auf der FDP-Liste. Auch seine Wiederwahl scheint nicht gefährdet.

Der FDP fehlt es nicht an jüngerem Personal, auch nicht an weiblichem. Nur: Susanne Vincenz-Stauffacher, die im Herbst 2019 in den Nationalrat gewählt wurde, tritt nicht mehr an fürs Kantonsparlament. Bleibt Isabel Schorer als einzige bisherige FDP-Kantonsrätin im Wahlkreis St.Gallen-Gossau. Darüber beklagen, dass an der Spitze die Namen von vier Senioren stehen, sollten sich die jüngeren Kandidatinnen und Kandidaten nicht. Dem Vernehmen nach haben die FDP-Routiniers parteiintern verlauten lassen, im Lauf der Legislatur 2020-2024 zurückzutreten und denjenigen Platz zu machen, die auf den ersten Ersatzplätzen landen. Das ist politisches Kalkül, das im Wahlkreis verbreitet und kein FDP-Phänomen ist.

Es gibt Profiteure und ewig Wartende

Wer am 8. März nicht gewählt wird, darf sich Hoffnungen machen, nachzurücken – das gilt bei den Freisinnigen in hohem Masse. Mit den drei St.Galler Stadtparlamentariern Felix Keller, Geschäftsführer des kantonalen und städtischen Gewerbeverbands, Remo Daguati, Geschäftsführer des kantonalen und städtischen HEV, und Oskar Seger kandidieren drei Freisinnige mit politischer Erfahrung auf kommunaler Ebene. Christine Bolt, die parteiintern Beat Tinner bei der Nomination für den Regierungsrat unterlag, hat ebenfalls gute Chancen, weit nach vorne zu kommen und allenfalls einen der frei werdenden Sitze der Routiniers zu «erben».

Walter Locher seinerseits hat schlechte Erfahrungen gemacht mit Nachrücken. Er wurde erster Ersatz bei den Nationalratswahlen 2015. Walter Müller aus Azmoos trat aber in seiner vierten Legislatur nicht vorzeitig zurück und verhinderte damit ein Nachrücken Lochers. Profitiert hat dagegen Susanne Vincenz-Stauffacher. Sie rückte für den Wittenbacher Arzt Reinhard Rüesch in den Kantonsrat nach, der seinen Platz im Laufe dieser Legislatur räumte. Vincenz-Stauffacher ihrerseits trat nach ihrer Wahl in die Grosse Kammer im Bundeshaus nicht aus dem Kantonsrat zurück. An ihre Stelle hätte Dieter Fröhlich nachrücken können, Unternehmer und ehemaliger Präsident des FC St.Gallen.
Auch Karl Güntzel will es nochmals wissen

Auch bei der SVP tritt mit Karl Güntzel ein Routinier nochmals an. Der Rechtsanwalt aus der Stadt St.Gallen ist 70 und seit 28 Jahren im Kantonsrat, länger als alle anderen 119 Ratsmitgliedern. Ob er im Lauf der nächsten Legislatur zurücktreten und einer neuen Kraft Platz machen wird, ist derzeit offen.

Auch die Sozialdemokraten setzen im Wahlkreis St.Gallen-Gossau auf bewährte Politiker: Parteipräsident Max Lemmenmeier ist im Pensionsalter und seit 14 Jahren im Amt; er tritt nochmals an. Auch Ruedi Blumer aus Gossau tut das; der 63-jährige Präsident des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) kandidiert für seine siebte Legislatur. Auch im Fall der beiden erfahrenen SP-Politiker ist offen, ob sie die Legislatur 2020-2024 zu Ende bringen, oder jüngeren Platz machen werden.

Dem Wahlkreis St.Gallen-Gossau stehen derzeit 29 von 120 Sitzen zu. In der laufenden Legislatur sind im grössten der acht Wahlkreise im Kanton lediglich eine Frau und drei Männer nachgerückt: Neben Susanne Vincenz-Stauffacher sind das die Christlichdemokraten Christoph Bärlocher und Dominik Gemperli sowie Pascal Fürer von der SVP.

Im Vergleich zum St.Galler Stadtparlament war die Fluktuation zumindest im Wahlkreis St.Gallen-Gossau in dieser Amtsdauer im Kantonsrat mit 13,7 Prozent gering. Im Stadtparlament wird in der Regel innert vier Jahren ein gutes Drittel der 63 Ratsmitglieder ausgewechselt.

Von den 15 Listen, die im Wahlkreis eingereicht wurden, stammen fünf von Jungparteien. Von den insgesamt 311 Kandidierenden sind 129 Frauen, was einer Quote von 41,5 Prozent entspricht. Vor vier Jahren waren es sechs Prozent weniger.

St.Galler Tagblatt vom 25.02.2020St.Galler Tagblatt vom 25.02.2020

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