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«Grosse Industrieflächen für Solarenergie nutzen»

«Grosse Industrieflächen für Solarenergie nutzen»

Oskar Seger präsidiert seit 2018 die FDP Stadt St. Gallen. Am 20. Oktober möchte er in den Nationalrat gewählt werden.

Auf welche erneuerbaren Energien sollte die Schweiz in Zukunft vermehrt setzen?
Eine der Stärken der Schweiz war und ist noch immer die Wasserkraft. Die topografische Lage der Schweiz ermöglicht eine intensive Nutzung der Wasserkraft, auch als Speicher. Daher sollte die Wasserkraft den Kern der Energiestrategie für die Schweiz bilden. Ergänzend zur Wasserkraft sehe ich viel Potential in der Solarenergie und der Windkraft. So könnten beispielsweisse all die grossen Industrieflächen, insbesondere Dächer im Mitteland, für die Erzeugung von Solarenergie genutzt werden und die Windkraft ergänzend an geeigneten Standorten in der Schweiz gefördert werden. Zusammen mit den Speichern der Wasserkraftwerke sowie zukunftsweisenden Technologien zur Speicherung von überschüssiger Energie, beispielsweise Power-To-Gas und die Produktion von Wasserstoff, ist es meiner Meinung nach vorstellbar, eine namhafte und nachhaltig erneuerbare Energieautarkie zu erreichen.

Sie erwähnten die Solarenergie. Was braucht es Ihrer Ansicht nach, um sie zu fördern?
Problematisch ist momentan die Speicherung von Überschüssen aus der Photovoltaik. Wenn wir dies in den Griff bekommen, und davon bin ich überzeugt, ist die Solarenergie meiner Meinung nach zusammen mit der Wasserkraft und der Gewinnung von Wasserstoff die Energie der Zukunft. Regulatorische Hürden seitens des Staates sind auf ein Minimum zu reduzieren, damit Privatpersonen und Firmen dazu ermutigt werden, in die Solarenergie zu investieren und sich dies auch lohnt. Ebenso soll es möglich sein, an historischen Bauten durch moderne Technologien Strom zu generieren, ohne die Denkmalpflege oder den Heimatschutz als Gegner zu haben. Hier müssen wir einen Konsens zwischen Denkmalschutz und zukunftsorientierter Energiegewinnung finden.

Die Laufzeiten der Atomkraftwerke sorgen für viel Gesprächsstoff. Würden Sie eine Begrenzung der Laufzeiten, beispielsweise auf 60 Jahre, begrüssen?
Der Ausstieg aus der Atomkraft ist eine Frage der Zeit. Neue Atomkraftwerke dürften nicht mehr gebaut werden. Auch die Akzeptanz gegenüber den bestehenden Anlagen ist in der Bevölkerung nicht sehr hoch. Die Laufzeit einer Anlage soll nicht politisch gefällt werden, sondern davon abhängig gemacht werden, ob eine tadellose Wartung garantiert und die Sicherheit durch zyklische Kontrollen gewährleistet ist. Meiner Meinung nach ist eine signifikante Reduktion des CO2-Ausstosses, was zurzeit die drängendste Aufgabe ist, ohne Atomkraftwerke nicht zu bewerkstelligen. Selbstverständlich ist in einem weiteren Schritt auch die Abwendung von der Atomenergie zu forcieren, solange in diesem Bereich keine besseren Technologien verfügbar sind und das Problem der Endlagerung radioaktiver Abfälle nicht gelöst ist. Ich gehe davon aus, dass die Forschung in den kommenden Jahren massgebliche Fortschritte erzielen wird, beispielsweise bei der Kernfusion, um ein grosses Ziel zu nennen. Die Abhängigkeit von «dreckigem» Kohle-Strom aus dem Ausland möchte ich unbedingt vermeiden.

Voraussichtlich steigt der Strombedarf durch Digitalisierung, Elektromobilität und Wärmepumpen weiter an. Wie deckt die Schweiz aus Ihrer Sicht in Zukunft den Mehrbedarf?
Die Versorgungsicherheit von Strom muss oberste Priorität haben. Es müssen heute Investitionen getätigt werden, damit wir zukünftig diesen absehbaren erhöhten Strombedarf abdecken können. Die Investitionen müssen in diverse nachhaltige Energieerzeuger, aber insbesondere auch in die Forschung fliessen. Dabei sehe ich wie schon erwähnt ein hohes Potential bei einer Kombination aus Wasser- und Windkraft sowie Solarenergie. Gleichwohl bin ich nicht der Überzeugung, dass die Elektromobilität, so wie wir sie heute kennen, die Zukunft ist. Meiner Meinung nach wird sich Wasserstoff als künftiger Energieträger in der Mobilität durchsetzen.

Was macht Ihnen in Bezug auf die künftige Stromversorgung besonders Sorgen?
Die Deckung des künftigen Mehrbedarfs an Strom durch erneuerbare Energien könnte in Zukunft, zumindest im Sommer, möglich sein. In Wintermonaten muss mit Engpässen gerechnet werden, obwohl ich überzeugt bin, dass die Forschung im Bereich Speichertechnologien massgebliche Fortschritte erzielen wird. Derartige Engpässe müssen zwingend vermieden werden. Wie dies zu bewerkstelligen ist, ohne unnötige Abhängigkeiten vom Ausland zu schaffen, bereitet mir Kopfzerbrechen. Ich stelle mir einen «Black-Out» für die Schweiz als eines der verheerendsten Katastrophenszenarien vor.

Welches wären Ihre energiepolitischen Prioritäten, sollten Sie im Herbst ins nationale Parlament gewählt werden?
Eine sichere und bezahlbare Energieversorgung muss jederzeit gewährleistet bleiben. Dafür braucht es staatliche Rahmenbedingungen, die klar und verlässlich sind, damit Private und Firmen sich langfristig daran orientieren und entsprechend investieren können. Ich unterstütze zudem die Erforschung und Entwicklung neuer Technologien mit hoher Energie- und Kosteneffizienz, sodass das Angebot- und Nachfrageprinzip langfristig gewährleistet ist.

Man sagt, die FDP habe sich einen grünen Anstrich verpasst. Wie ist Ihre Haltung demgegenüber?
Die FDP ist eine Regierungspartei. Sie stellt zwei Bundesräte und trägt Verantwortung in sehr vielen Exekutivämtern in den Kantonen und Gemeinden. Eine Partei, welche sich in einer Regierungsposition befindet, muss sich mit sämtlichen Themen der politischen Bandbreite auseinandersetzen. Das ist legitim und erforderlich. Die FDP hat sich in den vergangenen Jahren stark auf den Wirtschafts- und Finanzbereich fokussiert und trägt auch diesen Stempel. Der Einsatz für eine nachhaltige und wirtschaftliche Umweltpolitik ist daher angezeigt. Ich denke nicht, dass dies nur ein grüner Anstrich ist. Die heute unübersehbar akuten Klimaprobleme gehen uns alle an. Das ist kein Thema für «die Grünen», sondern ein Thema für alle, für die ganze Bevölkerung unseres Landes. Keine regierende Partei darf diese Probleme kleinreden oder gar ignorieren. Es muss nüchterne Sachpolitik betrieben werden, egal welche politische Couleur man trägt.

Strom und Energie haben immer auch eine persönliche Seite. Kompensieren Sie einen Langstreckenflug?
Ja, auf jeden Fall. Wenn ich fliege, dann kompensiere ich immer. Die Kompensation sollte meiner Ansicht nach jedoch vor allem auch in Projekte in der Schweiz fliessen. Aus diesem Grunde bin ich Mitbegründer des Vereins Allianz für eine CO2-neutrale Schweiz, kurz ACNS. Der Verein bietet die Möglichkeit den eigenen CO2-Ausstoss durch die Unterstützung von Schweizer Projekten zu kompensieren.

Was ist Ihre Energie-Sünde?
Durch meinen Beruf als Projektingenieur und Bauleiter auf Baustellen an teils sehr unzugänglichen Orten bin ich zwingend auf mein Auto angewiesen. Da ich oft Material für Vermessungsarbeiten transportieren muss, brauche ich Stauraum und somit ein relativ grosses Auto.

Beitrag aus "Klimawahl.ch"

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